Sklenar, Stamm 47

Niederösterreichische Carnica Biene Sklenar Stamm 47

Auszug aus dem Buch IMKERPRAXIS
von Guido Sklenar – 8.Auflage 1970
Klassiker von Guido Sklenar

“ Ich bin der Anschauung, dass wir nirgends mehr von einer reinen Rasse sprechen können, denn in den Jahrtausenden der Vergangenheit haben sich überall Kreuzungen vollzogen. Was wir heute als reine Rasse ansprechen und anerkennen, ist nur das Produkt einer sorgfältigen Zuchtauslese durch lange Jahrzehnte. Dass so etwas im Bereich der Möglichkeit liegt, das habe ich sehr deutlich mit meinem Stamm „47“ unter Beweis gestellt. Dieser stammt aus der niederösterreichischen Biene, die eine buntfarbige Biene ist. Durch sorgfältige Zuchtauslese ist es mir gelungen, aus diesem Stamme eine Linie zu züchten, die rein, gleichmäßig dunkelgrau vererbt. Würde das einem Imker vor Jahrhunderten gelungen sein und hätte dieser für die Verbreitung seines Zuchtproduktes gesorgt, so würde eben heute die niederösterreichische Biene als eine Dunkelgraue bezeichnet werden. Darum bin ich der festen Überzeugung, dass wir bei der Zucht weit weniger Wert auf die Farbe,als auf die Leistung zu legen haben,denn wir halten Bienen nicht wegen der Farbe, sondern des Honigs, Wachses und der Befruchtungstätigkeit wegen. Wir müssen Leistungs-, nicht aber Farbzüchter sein, dann wird sich die Wirtschaftlichkeit des Betriebes merklich heben.

Der Weg durch die Farbe zur Leistung ist ja auch gangbar, aber er ist ein viel längerer, vom einzelnen Imker kaum durchführbar, weil ein Menschenleben leider nur von kurzer Dauer ist. Das aber vermag ein Imker, durch sorgfältige Zuchtauslese einen Ertragsstamm durchzuzüchten, dazu genügt ein Menschenleben; um jedoch erst reine Farbe und dann noch hochwertige Leistung herauszuzüchten, dazu gehören Generationen.

Sehr nahe verwandt sind auch die Krainer – und die niederösterreichische Biene, wenigstens dem Kleide nach. Nur zeigen erstere, namentlich in kleineren Beuten, mehr Schwarmlust. Auch ihr ist diese anerzogen, weil sie in ihrer Heimat, den norischen Alpen, weshalb sie auch norische Biene genannt wird, in kleinen Holzbeuten, den sogenannten Bauernstöcken, gehalten wird. Ihre Schwarmlust mäßigt sich aber sofort, wenn sie in größeren Beuten gehalten wird. Sonst rühmt man ihren Fleiß und ihre besondere Sanftmut. Die niederösterreichische Biene trägt auch ein graues Kleid, nur hat bei ihr jede 30. – 50. Arbeitsbiene zwei bräunliche Hinterleibsringe. Ihren grossen Fleiß rühmt schon Ehrenfels, ihre Schwarmträgheit macht sie zu einer recht wirtschaftlichen Biene. Eine angenehme Beigabe ist ihre Sanftmut.“

Züchter vom Stamm 47 der später Sklenar Biene genannt wurde
Vom Ursprung der Sklenarbiene

Im Weinviertel Österreichs, also am Rande des eigentlichen Verbreitungsgebietes der Carnica, befasste sich Guido Sklenar mit der Selektion der bodenständigen Biene. 1890 war er als Junglehrer nach Mistelbach gekommen, baute selbst einen Bienenstand auf und übernahm kurze Zeit später zusätzlich den Stand seines Schwiegervaters mit weiteren 36 Völkern, so das er insgesamt 50 Völker bewirtschaftete. Schon im ersten Jahr fiel ihm eines seiner Völker besonders auf; es lieferte den meisten Honig. Zudem unterschied es sich von den anderen Völkern durch seine einmalige Ruhe und Sanftmut, die Stetigkeit der Winterversorgung und seine Wetterfestigkeit.

Es flog auch dann noch, wenn die anderen Völker daheim blieben. Bemerkenswert war auch die Anlage der Brutnestes. Von oben nach unten zeigten die Waben einen schönen Honigkranz dem ein Streifen Pollen folgte, der dann die Brut umschloss. Dazu kam noch die gute Überwinterung mit auffallend geringem Totenfall. Ausgewintert kaum mittelstark überholte es in überraschend kurzer Zeit alle anderen Völker Auch in den beiden nächsten Jahren, als Sklenars Stand auf 70 Völker angewachsen war, bestätigten sich diese Eigenschaften und das Volk lag wiederum in der Leistung an der Spitze. Der einzige Nachteil war die starke Verwendung von Propolis. Sklenar wollte von diesem Volk vermehren, aber es war durch keinerlei Maßnahmen zum Schwärmen zu bringen. Die Maßnahmen der Königinnenzucht waren damals noch weitgehend unbekannt. So griff er zur Methode der Herzwabe ähnlich dem Bogenschnitt und erzeugte eine Reihe von Königinnen als Nachzucht aus seinem ,,Elitevolk“, das in der Beute Nr.47 untergebracht war. Nach dieser Beutenummer nannte er zunächst auch seinen Stamm, den Stamm 47.

Von da an beschäftigte sich Sklenar intensiv mit der Auslese. Zu Hilfe kam ihm seine einmalige Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, aus den gemachten Beobachtungen die richtigen Folgerungen zu ziehen. Er ging konsequent und stetig den von ihm als richtig erkannten Weg. Sein Grundsatz lautete: ,,grau, sanft, ruhig‘ womit er die Hauptmerkmale der Carnica erfasste. Zielstrebig weiselte er alle nicht befriedigenden Völker seines mittlerweile auf 150 Völker angewachsenen Standes mit Nachzuchtköniginnen aus seinen besten Muttervölkern um. In den Völkern förderte er die Drohnenzucht. Zeitig gab er auch Königinnen an die Nachbarimker ab. So gelang ihm innerhalb eines reinen Carnicagebietes auch ohne Belegstelle einen relativ einheitlichen Stamm mit guten Eigenschaften zu züchten.

Gudio Sklenar war aber auch wie mancher andere Züchter aus dem alten gross-österreichischen Carnica-Bereich ein tüchtiger Geschäftsmann. Er pries seinen Stamm 47 im deutschsprachigen Raum an, gründete im Mai 1922 seine Fachzeitschrift ,,Mein Bienenmütterchen‘ und gab seine Erkenntnisse und Erfahrungen einem breiten Publikum weiter. Da der Stamm 47 nicht nur über Ruhe und Fleiß der Carnica verfügte, sondern im Gegensatz zu den vielen Importen aus Slowenien mit seiner Schwarmbienenzucht in Bauernkästen auch wesentlich schwarmträger war, fand Sklenar in Deutschland viele dankbare Abnehmer. In den Jahren 1930 bis 1938 wurden ständig 10 Pflegevölker, die wöchentlich ca. 200 Weiselzellen lieferten, gehalten. Allerdings vermischten sich die Nachzuchten in Deutschland mit der überwiegend dunklen Landrasse, so dass ihre erwünschten Carnica – Eigenschaften nicht erhalte blieben und man ständig auf neue Importe aus Mistelbach angewiesen war.

Mit den Erkenntnissen zur Merkmals mäßigen Unterscheidung der Rassen wurde im 3. Reich 1937 das Zuchtwesen ausgebaut und neu organisiert. Es wurde auf die Hochzucht und Anerkennung der heimischen, dunklen Mellifera-Biene abgestellt. Die Carnica und so auch der Stamm 47 gehörten nicht dazu, so dass deren Einfuhr offiziell nicht zugelassen war. Dies änderte sich erst 1938 mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Sklenar wurde im Mai 1939 mit der höchsten imkerlichen Auszeichnung, der ,,Silbernen Wabe‘ geehrt und von der Reichsfachgruppe Imker als Reinzüchter anerkannt. Sein Stamm 47 hieß fortan 47 Stamm Sklenar.

Gleichzeitig erfolgte die Anerkennung der Belegstelle Hirschgrund in der Nähe von Mistelbach als erste Belegstelle Österreichs. Die Zuchtarbeit verlief von diesem Zeitpunkt an über diese Belegstelle. Sie war jedoch genauso unsicher wie viele andere Belegstellen auch, da der Bienen freie Umkreis nicht ausreichend war und den damaligen Vorstellungen entsprechend nur ein Drohnenvolk aufgestellt wurde. Trotzdem wurden jährlich die ca. 5’000 angelieferten Königinnen ausreichend begattet.

Durch verschiedene Umstände und Unstimmigkeiten zwischen dem Hause Sklenar und der Reichsfachgruppe der linker wurde der Stamm Sklenar 1944 abgekört. Erst nach dem Krieg erfuhr Sklenar, insbesondere durch die Leistungsprüfungsergebnisse von REININGHAUS im Landesverband Westfälisch Lippischer Imker eine züchterische Anerkennung. Gerade von dem Landesinstitut in Münster und dem LV Westf und Lippischer Imker, wird die Zucht der Sklenarbiene besonders gefördert.

Mit dem Tod von Guido Sklenar 1953 übernahm seine Tochter Hannerl Weber-Sklenar die Zuchtarbeit. Bald kam es zu Klagen über viele aus Mistelbach bezogene Königinnen. Es stellte sich heraus, dass bedingt durch Veränderungen in der Landwirtschaft viele Imker dieses Raumes gezwungen waren, mit ihren Bienen in das Waldviertel und die südöstlichen Ausläufer des Böhmerwaldes zu wandern.

Mischpaarungen, von denen schließlich auch die Bienenstände Sklenars nicht verschont blieben. Die anfänglich aufgestellte Behauptung, die Sklenarbiene sei keine reine Carnica, sondern aus einer Übergangsform zwischen Carnica und Mellifera am Rande der Verbreitungsgebietes der Carnica entstanden, liess sich nicht erhärten, vor allem aber keine dauerhaften züchterischen Erfolge gewährleisten. So erkannte man in Deutschland seit Mitte 1987 von den Sklenarzüchtern allgemein den Merkmalsstandard für die Carnica an.

Vor dem Krieg galt der Landwirt H. HUPFELD aus Altenritte bei Kassel als erfahrener Sklenarzüchter, der über hervorragendes Material verfügte, das sich besonders durch seine Rotkleefähigkeit auszeichnete. Eine der größten Belegeinrichtungen für die Sklenarbiene war Ende der dreißiger Jahre die Belegeinrichtung Oberhof in Thüringen. Der Züchter w’DDEL aus Magdeburg las vorwiegend auf Farbe aus – wobei die Leistung vernachlässigt wurde – und über die Inselbelegstelle Oie in der Ostsee entstand der Stamm Alba, der aber bald an Bedeutung verlor.

Heute sind die Sklenarzüchter weitgehend in dem bereits vor dem 2. Weltkrieg gegründeten Sklenarbund organisiert. Züchterringe, Beleg- und Besamungsstellen sowie Prüfstände werden betrieben. Besonders in Bayern und im LV Westf. und Lippischer Imker ist die Zucht des Stammes Sklenar weit verbreitet. Als Inselbelegstellen werden die Hamburger Hallig (nordfriesische Nordseeküste) sowie Borkum und Juist (beide Ostfriesische Nordseeküste) mit Sklenarmaterial beschickt, wobei Juist mitjährlich ca. l500 Königinnen zu dem am stärksten beschickten Inselbelegstellen gehört.

Nach den Angaben des Sklenarbundes wird Linienzucht betrieben, wobei über die verfügbaren Belegeinrichtungen sieben verschiedene Linien geführt werden, die wie folgt beschrieben werden:

47/P/1
Eine sehr alte Linie, deren Völker sich besonders durch hohen Polleneintrag (Pollenbretter) auszeichnen. Dieses Merkmal schlug sich in dem ,,P“ als Teil der Linienbezeichnung nieder. Die Nr.1 war die Kastennummer des Urzuchtvolkes. Eine besondere Bedeutung kam dieser Linie als Kombinationslinie bei der Anpaarung zu.

47/9/26
Ebenfalls eine sehr alte Linie, die sich durch langlebige Königinnen auszeichnet. Die Völker werden als ,,Hüngler“ bezeichnet und sind sehr gute Winterversorger. Weitere Kennzeichen sind die ausgeprägte Schwarmträgheit, hohe Leistung und Sanftmut. Es werden mittel starke Völker mit dunklen Bienen aufgebaut.

47/19/48
Diese Urzuchtline ist lammfromm, brutfreudig, sehr schwarmträge und erbringt eine hohe Leistung. Auch diese Linie wurde als Kombinationslinie empfohlen.

47/9/15
Diese sehr alte Linie ist einheitlich grau, hat mittelstarke Völker und ist besonders brutfreudig. Sie wurde weiterhin als flotte, temperamentvolle Biene bezeichnet.

47/9/24
Diese Linie bildet ebenfalls mittelstarke Völker, ist sanftmütig und erbringt eine hohe Leistung. Als ebenfalls brutfreudige Linie bildet sie zum Herbst starke Völker.

47/H/47
Diese Linie wurde der Tochter Sklenars, Hannerl, gewidmet. Die Bezeichnung der Linie setzt sich aus folgenden Kriterien zusammen: Stamm/Hannerl/ Stock-Nr. Diese Linie wurde als unverwüstliche, sehr harte Biene, mit einem ausgeprägten Putztrieb beschrieben. Sie bildet mittelstarke Völker und ist temperamentvoller als die 47/0/10. Die Völker erbringen eine gute Leistung und sind Selbstversorger. Bei einer ausgeprägten Schwarmträgheit entwickeln sich die brutfreudigen Völker zum Spätherbst zu starken Völkern. Sie wird auch als ,,Frühaufsteher“ bezeichnet.

47/G/10
Diese Linie wurde anlässlich des 10. Todestages Guido Sklenars 1963 der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie wurde als lammfromme Kinderbiene und sanftmütigste Sklenarlinie beschrieben. Sie bildet sehr starke, brutfreudige Völker und lagert wenig Honig im Brutraum ab. Als schwarmträge Bienen erbringen die Völker eine hohe Leistung. Immer wieder wurde versucht, Sklenarlinien mit anderen Carnicalinien der Stämme Peschetz und Troiseck zu kreuzen. Die dabei entstandenen Hybriden lieferten in den meisten Fällen keine befriedigenden Ergebnisse. Häufig kam es zu unruhigen oder schwarmlustigen Völkern, so dass empfohlen wird, die Linien der Sklenarbiene zur Ausnutzung von Heterosiseffekten untereinander zu kreuzen.

Grundsätzlich ist die Sklenar Biene ein Frühbrüter. Sie erfasst Frühtrachten sehr gut und ist auch für späte Waldtracht prädestiniert. Da sie als Hünglertyp auf längere Trachtpausen mit Brutreduktion reagiert, liegt es im Ermessen des Imkers dies zuzulassen, oder mit einer Überbrückungsfütterung dem entgegen zu wirken.

Die Sklenar Biene ist wabenstet und ruhig. Die Arbeit mit ihr erfordert in der Regel weder Rauch noch Schutzbekleidung. Empfehlenswert ist ein windgeschützter Aufstellungsort.